Hallo zusammen,
Während den ersten Tagen hier in NYC wurde ich von einem Journalisten von “DIE ZEIT”, mittlerweile Kollege, begleitet. Er hat mich schweigend, ab und zu Fragen stellend, begleitet und mir bei allem über die Schultern geschaut. Das Ergebnis davon bitte hier:
Kleine Rede an die Welt
Tobias Naef ist 22 und vertritt die Schweiz vor den Vereinten Nationen in New York.
Es gibt eine Geschichte von Globi, dem Schweizer Kinderfreund, da geht der freundliche Vogel zu den UN, er steigt die Zuschauertribüne hinauf, und was kommt dabei heraus? Nichts! Der Redner redet nur und redet, er belehrt steif und leise, wiederholt sich, argumentiert im Kreise. Globi hat rasch genug, Globi verlässt die UN zornesrot, Globi gründet ein eigenes Friedenscamp.
Toby würde das nie tun. Auch Tobias Naef aus Engelberg, Student der Politologie, ist immer freundlich zu allen, sieht im Schlechtesten noch das Bestmögliche, aber er hat Geduld. Er ist eine wundersame Mischung aus Globi und Manager des institutionalisierten Guten. Er wird mit UN-Generalsekretär Ban Ki Moon aufs Foto dürfen und auch eine Rede vor den UN-Delegierten halten, fünf Minuten lang Sprachrohr der Schweizer Jugend sein vor der Weltorganisation. Doch das sind alles Zugaben, und die meisten hier wissen das. »Is it a meeting? Or is it more like: Hello, let’s take a picture?«, fragt die peruanische Jugenddelegierte zum Termin mit Ban Ki Moon. Antwort der Sitzungsleiterin: »More like: Hello, let’s take a picture.« Und alle lachen.
New York, erste Sitzung der Jugenddelegierten. Der Jetlag geht um. Sie essen Chips. Sie trinken Cola und Mineralwasser. Alle Kontinente, schwärmt Toby, seien hier im engen Hotelzimmer versammelt. Am Boden sitzen zum Beispiel ein junger Mann und eine junge Frau aus dem Königreich Thailand, auf dem Schoß ihre Schulbücher, in die sie alles gewissenhaft aufschreiben. Die groß gewachsene Frau aus Ruanda hält einen dünnen Hewlett-Packard-Notizblock in den Händen, mindestens 24 Stunden Flug und viermal Umsteigen liegen hinter ihr. Vier abwesende Ghanaer sind zu verzeichnen, die »wegen Visa-Schwierigkeiten« zu Hause bleiben mussten. Gekommen ist dafür ein junger Herr aus der Türkei, 27, der letztes Jahr wegen Streitigkeiten zwischen Ankara und der türkischen Mission in New York nicht teilnehmen durfte. Diesmal habe sich der Premierminister persönlich für ihn eingesetzt, er müsse nicht mal die Spesen übernehmen, sagt der junge Türke.
Dann ist da eine junge Frau aus Belgien, die aufgeregt erzählt, dass sie nun ihr ganzes Land vertreten dürfe, weil der Kollege aus dem französischsprachigen Teil verhindert sei; bloß müsse sie nun auch die ganze Rede auf Französisch halten! Die auf dem internationalen Parkett besonders engagierten Skandinavier sind da, und eben auch Tobias Naef, 22 Jahre alt, vom Projekt Youth Rep des Jugend-Dachverbands SAJV und in Kooperation mit dem Außenministerium unter Schirmherrschaft von Micheline Calmy-Rey (was er den Journalisten ständig wiederholen muss).
Wichtig ist, dass immer einer dasitzt, auch wenn er nicht immer zuhört
Alle haben sie hier ihre Reden (»speeches«) zu halten, ihre Themen (»main issues«), die sie »pushen«, ihre Anliegen, für die sie »lobbying« betreiben. Crashkurs im Jargon der weltdemokratischen Jugend: »I speak on behalf of my country« beispielsweise bedeutet, dass einer für seine Regierung für die Jugendlichen seines Landes spricht, also den Ämtern Rechenschaft schuldig ist; Tobias Naef spricht seine Äußerungen mit der Schweizer Mission ab. Die Deutschen sind da informeller. Falko und seine Kollegin arbeiten ein ganzes Jahr ausschließlich als Jugenddelegierte, und sie sind es, die hier am meisten reden, vieles organisieren, Falko mit dem Laptop und seine Kollegin, die zunehmend an die subtile Machtfrau Merkel gemahnt. Das sind Professionelle. So professionell wie der Delegierte aus Australien, der ein Jahr lang seinen Kontinent bereiste, um der dortigen Jugend wirklich Sprachrohr sein zu können.
Tobias Naef indes schaut gut schweizerisch immer ein wenig aufs Geld, er sparte beim Flug, sparte beim Hotel, damit Youth Rep weitere Events organisieren kann – beim Einsatz spart er nie. Den Tag vor seinem Abflug verbrachte er mit dem Uno-Boot und seinen Youth-Rep-Kollegen auf dem Zürichsee, um die UN der Jugend näherzubringen, »es war wahnsinnig gut«, und er holte sich einen Sonnenbrand.
Warum, Toby? Was leisten die UN? Wird hier nicht einfach zu viel geredet? Das hört er oft von Journalisten. Er fragt dann immer zurück, ja, was denn sei, wenn es keine UN mehr gäbe? Ob dann vielleicht alles besser wäre? Darauf sagen die Journalisten erst mal gar nichts. Um schließlich zu antworten: Aber das sei nun nicht die Antwort auf ihre Frage gewesen.
Tobias Naef ist nicht der selbstlose Idealist. Er wollte früher einmal Hotelbesitzer werden, und dann überlegte er sich einen Beruf, mit dem man weltweit gut fährt, Handwerker zum Beispiel. Hauptsache, immer unterwegs. Hauptsache, weltweit. Es ist eine Weltsucht, die den Toby Naef überfiel, dem in der Klosterschule Engelberg nicht erst Zürich als Metropole galt, sondern bereits das große, große Luzern (obwohl er schon damals immer nach dem gigantischen Zürich strebte).
»Geil«, sagt er immer wieder. »Geil.« Zum zweiten Mal in seinem Leben ist er in New York: »Das ist es doch, in so einer Stadt möchte man leben, einfach aussteigen und dann überleben. Sich verlieren.« So spricht einer, der schon in der Schule in Max Frischs Rip Van Winkle die Hauptfigur gab. Oder in der Mongolei, erzählt er, da habe er Dinge erlebt! Und erst in Mexiko! Da und dort und hier ist Tobias Naef schon gewesen, ein ewig Reisender, merkt man plötzlich. Und er mag und will einfach nicht meckern, besonders nicht in New York. Auch nachdem man eine Stunde damit verbracht hat, in seinem billigen Hotel kaputte Schlüsselkarten fürs Zimmer auszuprobieren, ist Naefs auffälligste Reaktion, dass er am Ende mit dem Servicemann auf Spanisch zu witzeln beginnt.
Tobias Naef hat sich in Schale geworfen, heute zwar noch nicht die rote Krawatte, denn erst im Laufe der Woche soll er seine Rede halten. Aber die UN machen es ihm nicht leicht, selbst Delegierte müssen sich zur Akkreditierung in einer langen Schlange gedulden. Eines der ersten Dinge, die man in den UN lernt, ist, dass jeder, der pünktlich kommt, viel zu früh ist. Einmal ins Hauptgebäude gelangt, mit zwei Stunden Verspätung, hält Naef den Stuhl warm. Das ist die Schweizer Politik hier in New York, sie nennen es die »Politik des warmen Stuhls«. Wichtig ist, dass immer zumindest jemand dasitzt. Man muss nicht unbedingt alles mitanhören, das wäre fast zu viel verlangt. Ob Tobias Naef zuhört? »Zuelose und schlafe«, nennt es ein Mitarbeiter der Schweizer Mission in New York. Am besten den Übersetzungshörer aufsetzen, aber nicht einschalten, dann könne man ruhig an etwas anderem arbeiten. Am ersten Tag wird der Mr. Chair, der Sitzungsleiter, sowieso erst mal von jeder Nation dafür beglückwünscht, dass er zum Mr. Chair gewählt worden sei. Was natürlich Floskeln sind, die dem Mr. Chair nicht einmal ein Nicken abringen.
Ja, gewiss hatte Globi nicht unrecht. Für Stürmische sind die UN nichts. Während der Delegierte aus Kuba etwas Stimmung aufkommen lässt und fragt, warum Milliarden zur Rettung des Finanzsystems aufgebracht worden seien und nichts für die Armen, schläft die Jugenddelegierte aus Jamaika auf einem Stuhl abseits des Rummels. Dabei gibt es hier gar keinen Rummel. »Das sind eben die UN«, und es klingt ganz packend, wenn Tobias Naef das sagt. »Ab und zu gibt es aber wieder kleine Revolutionen.«
Sie kämpfen um jeden Satz, weil jeder Satz Leben retten könnte
Letzte Sitzung der Jugenddelegierten am ersten Tag, es ist 19 Uhr. Dear Mr. Ban Ki Moon , vom »working breakfast« bis heute Abend wurde bei den Jugenddelegierten hart gearbeitet, non-stop. Sogar am Abend geht es noch um Sätze, Wörter. Um Nanometer an Wortbedeutung wird gefeilscht. Sollte man in der Jugendresolution vielleicht »direct impact« mit»significant impact« ersetzen? Und sei, fragt die peruanische Jugenddelegierte, der Punkt zu Geschlechtergleichbehandlung nicht etwas zu schwach formuliert? Müsse man nicht ein »urgent« anfügen, denn das sei es nun doch wirklich langsam: dringend?
»Could you repeat the wording, please?« Alles Leute, die an die Macht der Wörter und deren Wiederholung glauben. Als würden ihre Resolutionen einen direkten Zugang zu den Dingen haben, kämpfen sie für jeden Satz, weil ja jeder Satz allenfalls Leben retten könnte. Und dann bombardieren sie die Missionen ihrer Heimatländer mit ihren Änderungswünschen. Anders als in einem guten Text soll in ihrer Resolution eher zu viel als zu wenig stehen. Sie schauen einander zwar in die Augen und nicken ernst, aber im nächsten Moment können sie schon wieder hinter ihren Bildschirmen verschwinden, Facebook, Twitter, E-Mail, SMS; Handyanrufe werden entgegengenommen. Debatten auch neben und nach der Sitzung. Ein Glaube hält sie lange wach. Erst spät nach zehn Uhr schleppt sich Tobias Naef ins Hotel, stützt sich auf den Bettrand und sagt: »Hey, ich bin so kaputt.« Toby ist nicht Globi. Toby wird noch zwei Wochen hier sein, es ist erst der Anfang seiner UN-Geschichte.
Hat er doch ganz gut gemacht der Herr Zaugg!
Quelle: DIE ZEIT, 08.10.2009 Nr. 42
http://www.zeit.de/2009/42/CH-UN?page=1
Liebe Grüsse aus New York von einem total erschöpften Toby!
P.S. Diplomatentage sind 13 Stundentage – Jugenddiplomatentage sind 13 Stundentage und danach noch Ausgang …